Wenn ein anerkannter Historiker sich erdreistet, eine der herrschenden Lehre entgegengesetzte Meinung zu vertreten und sich somit in Opposition zu arrivierten Geschichtsdekonstruktivisten stellt, dann muss man um seinen akademischen Ruf besorgt sein. Das haben auch deutsche Wissenschaftler auf ähnlichen Gebieten erfahren, wie Karl-Heinz Ohlig, Christoph Luxenberg, Gerd oder Gerd Rudiger Puin.

Sylvain Gouguenheim, Professor für mittelalterliche Geschichte, hat gegen den Kodex seiner Zunft verstoßen und seine Thesen für ein breites Lesepublikum zugänglich gemacht. Nach ausgewogene Rezensionen in NYT und der NZZ, bricht der Sturm auch in Deutschland los: “Skandalbuch von Sylvain Gouguenheim – Der Mittelalter-Sarrazin” … von einem sogenannten Qualitätsmedium – der SZ – das Buch muss lesenswert sein. Diese Bewertung dieses  Blattes, mit einer solchen Schlagzeile der Boulevardpresse, machte mich  zumindest neugierig. Alle Kritiken, die gegen das Buch gerichtet wurden, betrachteten wie üblich nicht den Kern des Themas. Meist  kritisierten sie bestimmte kleinere, zweifelhafte Stellen ausführlich, um die Ernsthaftigkeit des Buches anzuzweifeln obwohl das Buch für Durchschnittsleser mit ausführlicher akademischer Bibliografie geschrieben war, mithin simplifiziert werden musste. Einige Rezensenten behaupteten, dass es einer akademischen These welche in einer Universität eingereicht wurde ähnelte, also nichts Neues enthielt.  Die Diskussionen nahmen eine vertraute Richtung, es ist immer das selbe Schema “Small coin” Konkurrenten der unbeliebten These argumentieren nicht mehr auf der Faktenebene. Stattdessen kritisierten sie persönlich und beschuldigten ihn des Rassismus, indem sie mit dem radikalen Rechten gleichstellten.

Es ist anzunehmen, dass das Buch inhaltliche Mängel aufweist; das sollen Fachleute klären. Aber selbst wenn sie umfangreich ausgefallen sein sollten (was heute – 2012 nicht belegt ist, vermutlich weil Gouguenheim immerhin Professor für mittelalterliche Geschichte ist), rechtfertigen sie die aggressiven Reaktionen nicht. Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, die die deutsche Übersetzung herausgibt, erstaunt das Publikum damit, dass sie dem Text einen »kritischen Kommentar« von zwei deutschen Historikern anhängt von denen ich vorher nie etwas hörte. Der eine – Daniel König – soll »Gouguenheims kulturvergleichende Ausführungen methoden- und ideologiekritisch … reflektieren«, dem anderen – Martin Kintzinger – ist aufgetragen, sie »in den gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs einzuordnen«. Ihren Auftrag erfüllen sie mehr schlecht als recht mit teilweise obskuren Quellen.

Was war denn so schlimm? Gouguenheim’s  Aussage laute nur, dass, anders als es derzeit im Kanon der Mediävisten unisono verlautbart wird, dem Islam bei Weitem nicht die herausragende Rolle bei der Vermittlung des antiken Wissens zukommt. Diese These, die der Autor in seinem Buch Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes wird anhand eines umfangreichen Quellenmaterials belegt.

Das christliche Mittelalter war, so der Autor, nicht die Zeit der geistigen Finsternis, aus der es erst durch die intellektuellen Leistungen einer überlegenen islamischen Kultur befreit wurde, sondern er belegt, dass u. a. die aristotelische “Politik” bereits im frühen 12. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt wurde. Immerhin fast hundert Jahre, bevor die Übersetzertätigkeit im maurisch besetzten Spanien begann. Selbst diese wurde von unter islamischer Herrschaft stehenden Juden und Christen durchgeführt wie  Übersetzungen schon in Syrien vor der Islamischen Herrschaft.

Die Kampagne der  Intellektuellen und Medien gegen Sylvain Gouguenheim, den Professor für mittelalterliche Geschichte an der École normale supérieure von Lyon (LSH war in Frankreich heftig aber wie immer mit offen Visier und meist – aber nicht immer – auf höheren Niveau.

Das Pamphlet des Kollektivs der 56, in der Libération, vom 30. April 2008, und eine drittklassige Rezension des Johannes Wetzel in Weltonline, vom 2. Mai 2008, können dem Buch nichts anhaben. (10) Sylvain Gouguenheim wird dann in der Libération und der Welt vorgeführt . (11) Am 16. Juli 2008 nimmt sich Paul-François Paoli im Figaro ganzseitig des Falles an: L´historien à abattre, etwa: Der Historiker zum Abschießen, zum Niedermachen. (12)

Die Linke kann nichts anfangen mit Begriffen wie “Wurzeln”, “griechisch”, “christlich”, sie sind Misstöne in ihren Ohren; denn für sie kann Europa nur ohne Identität und ohne Grenzen sein, l´Europe ne peut être que sans identité ni frontière.  Unter dem Stichwort Die Affäre Gouguenheim gibt es zwei Appelle aus der Hochschule gegen ihn, von Professoren, Forschern, Personal, Studenten und ehemaligen Studenten sowie der Fédération syndicale unitaire (FSU), der Gewerkschaft der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, deren Chef Gérard Aschieri den Kommunisten nahe steht. (14)

In einem Interview mit der Abendzeitung Le Monde zeigt sich Sylvain Gouguenheim erstaunt und verwirrt über die Reaktionen, die sein Buch hervorruft, über die Unterstellung von Absichten, die er nicht habe, er streite gar nicht ab, daß es auch arabische Übermittlung der griechischen Kultur gegeben habe, aber er lege die Betonung auf die direkte Vermittlung auf dem Weg über Byzanz und Sizilien vom Griechischen ins Lateinische, wofür der Mont-Saint-Michel im 12. Jahrhundert dank Jacobus Veneticus das Zentrum gewesen sei. (15)

Der Wissenschaftler befaßt sich mit dem hochsensiblen Thema des “Islams der Aufklärung”, das ist Grund genug für seine Kritiker, die im Besitz der absoluten Wahrheit über die Rolle des Islams im Mittelalter sind, die Hetzkampagne loszutreten.  Die griechischen Philosophen seien vor allem von syrischen Christen ins Arabische übersetzt worden, und das europäische Mittelalter sei nicht das düstere Zeitalter gewesen, wie manche es zeichneten. Das dürfte heute unbestritten sein.

Keiner seiner Kritiker stellt die Frage und weiß gar eine Antwort, ob es überhaupt sein kann bei Kenntnis von Koran, Hadithen und Scharia, daß sich der Islam hellenisiert, daß arabische Denker den Rationalismus nach Europa bringen, wie die emeritierte Professorin für französische Zivilisation (sic!) an der Al-Azhar Universität Zeinab Abdel Aziz behauptet und dabei von acht Jahrhunderten der Anwesenheit des Europa begründenden Islams spricht. (16)

Sylvain Gouguenheim wurde so weit angegriffen, daß er seine Vorlesungen unterbrechen musste, und er ist umso mehr verletzt, als er die Urheber der Appelle und zahlreiche Unterzeichner kennt, die noch dazu ganz offen erklären, daß sie das Buch nicht gelesen hätten. Auch das erinnert an den Appell für Charles Enderlin, da wissen auch viele nicht, um welche Tatsachenbehauptungen es geht.

Unter anderen Himmeln hätte Aristote au Mont-Saint-Michel gelehrte Debatten von Spezialisten entfacht.  Nur wenige seiner Kollegen stellen sich bei dem Angriff auf seine Seite, der anerkannte Mediävist Jacques Le Goff ist einer dieser seltenen Spezies. Die bekanntesten Mediävisten unterschreiben den Appell nicht. Alain Finkielkraut verteidigt Sylvain Gouguenheim und lädt ihn in seine Sendung auf Radio France Culture ein. Die Schüler von Sylvain Gouguenheim unterzeichnen ihrerseits eine Petition zur Unterstützung ihres Hochschullehrers, aber der Schaden bleibt.

Zwei muslimische Intellektuelle, der Anthropologe und Philosoph Malek Chebel und der Dichter und Schriftsteller Abdelwahab Meddeb erklären schlicht, daß sie nicht über das Buch diskutieren wollen, und daß sie es auch gar nicht erst lesen. Ich habe es gelesen, und kann dieses Buch des anerkannten Mediävisten Sylvain Gouguenheim empfehlen.

Nachfolgend meine Rezension (Amazon):

Das Buch bietet einen interessanten Aufriss der Transmissionen zwischen der griechischen Kultur und Europa über Arabien und dem byzantinischen Reich. Gouguenheim berichtigt das früher weit verbreitete Bild, demzufolge das christliche Europa im Mittelalter ein finsteres Zeitalter war und die derzeit moderne Behauptung, die Brücke vom Hellenismus zur Aufklärung wäre nur über die islamische Vermittlung erfolgt. Dagegen verweist Gouguenheim im Kapitel 3 auf die Pionierarbeit der Mönche, beispielsweise etwa auf den weitgereisten Jakob von Venedig, einem möglicherweise griechischen Mönch, der bereits im frühen 12. Jahrhundert die aristotelische ‘Politik’ ins Lateinisch übersetzt hatte. Ein Jahrhundert früher, als im maurischen Spanien meist durch Juden oder Christen (Dhimmi” – unter islamischer Herrschaft) eine lebhafte Übersetzertätigkeit ins Arabische und von arabischer Schriften einsetzte. Die heute oft geäußerte Idee einer liberalen Zusammenkunft von Christen, Muslimen und Juden liegt seiner Ansicht im Bereich der unhistorischen Romantik.

Das zweite Kapitel beschreibt den engen Austausch des frühen Christentums mit dem hellenistischen Gedankengut über das Griechische, die Sprache der Evangelien. Das Kloster Mont Saint-Michel wurde zu einem Zentrum in dem Abschriften der lateinischen Übersetzungen erstellt wurden. In einer Entgegnung im Anhang zu einer zutreffenden Kritik eines Kollegen, dass dort keine Übersetzungen stattgefunden hätten, stellt er diesen Sachverhalt in der deutschen Ausgabe klarer dar.

Nachvollziehbar und gut belegt ist daher Gouguenheim’s These im vierten Kapitel, das der Islam damals nur punktuelle, oft gefilterten Wissensaufnahme erlaubte, mithin auch gar nicht die Fülle des jüdischen und hellenistischen Wissens weitergeben hätte können. Meiner Ansicht ist die Anwendung der stereographischen Projektion ein gutes Beispiel, welche den Bau von (wunderbaren) Astrolabien erlaubte. Diese war für den Islam wegen den Gebetszeiten wichtig, aber die Sternwarte von Maragha in der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan wurde durch den Islam zerstört. Sylvain Gouguenheim beschreibt im vierten Kapitel den komplexen Mittelmeerraum und würdigt die Rolle von Byzanz und Syrien. Detailliert differenziert er zwischen Leistungen der damaligen jüdischen und koptischen Eliten im muslimischen Einflussbereich und der von genuine Muslimen. Er spricht sich natürlicherweise dagegen aus, die damalige arabische und persische Kultur als auch die christliche und jüdische als alleiniges muslimisches Erbe einvernehmen zu lassen. Das Buch belegt den Umstand der Immigration von verfolgten jüdischen und christlichen Eliten in den Europäischen Einflussbereich, welche das hellenische Wissen manchmal direkt auf der Flucht mitbrachten.
Sehr gut beschreibt er die unterschiedlichen Wertesysteme und die dadurch bedingte Durchlässigkeit. Sylvain Gouguenheim differenziert sehr genau zwischen unbestrittenen Verdiensten der arabischen und persischen Wissenschaft. Einleuchtend ist, wie er die Probleme zwischen dem rationalen Paradigma, der Grundlagenforschung und dem eher weltanschaulich fixiertem Islam darstellt, wo Rechtsätze dominierten und Wissenserwerb letztlich nur der Erkenntnis Gottes dient. Prägnant für mich (nicht im Buch) in der Geschichte des altes Observatorium von Peking in der das Wissen der Jesuiten im Wettstreit um den genauesten Kalender den Kaiser überzeugte.

Nicht nur in Frankreich hat das Buch des Mediävisten Sylvain Gouguenheim eine heftige Kontroverse ausgelöst. In der deutschen Übersetzung musste sogar eine recht dünne und generische Gegendarstellung im Anhang von einem deutschen Professor und einem deutschen wissenschaftlichen Mitarbeiter angefügt werden. Diese machten sich augenscheinlich, wie manche Presserezensenten, nicht die Mühe, sich mit dem Buch argumentativ auseinandersetzen. Sie bezogen sich auf einen akademischen Protest meist durch Fachfremde und obskure Tagungsbände, um dem Buch dann recht holzschnittartig unlautere Motive vorzuwerfen.

Das Buch hat sicher einen begrenzten Leserkreis. Als ein in Wissenschaft und Wissenschaftsgeschichte interessierter Laie meine ich, Sylvain Gouguenheim rekonstruiert schlüssig ein dekonstruiertes schiefes ethnisch zentriertes Geschichtsbild. Die Beschreibung der Wissenstransfers deckt sich, immer anekdotisch, gut mit meinem Einblick in die Transmission im Bereich von Astronomie und Astrologie zwischen Europa, dem Orient und Asien. Das Buch gab mir weitere wertvolle Hinweise und Verbindungen, ist flüssig geschrieben und gut übersetzt. Das Buch bietet fundierte Quellenangaben. Es erzählt eine spannende, reich belegte, Geschichte, die sich nicht ganz so aber sicher so ähnlich zugetragen hat und mich beim Lesen an eine Begebenheit in Zürich erinnerte. Bei einer Führung in einer Synagoge fragte ich den jungen Juden, warum Bildung und Wissen für sein Volk so wichtig sind. Er antwortete: Wir wurden in all diesen Jahrhunderten verfolgt, Wissen konnten wir aber immer über alle Grenzen mitnehmen

Quellen

(1) Appel. Pour Charles Enderlin, NouvelObs.com, 27 mai 2008/15 juillet 2008

http://tinyurl.com/3w7ozo

Charles Enderlin, menteur en toutes les langues. Par Luc Rosenzweig, Metula

News Agency, 3 février 2005

http://www.menapress.com/article.php?sid=1014

(2) Arabische Terroristen: ja! – Ariel Sharon: nein! 7. August 2004

http://www.eussner.net/artikel_2004-08-07_18-54-40.html

(3) Mohammed al-Dura. Wie der Skandal entsorgt werden soll. 3. Juli 2008

http://www.eussner.net/artikel_2008-07-03_21-58-10.html

(4) Le cauchemar Vychinsky : Sylvain Gouguenheim. Par sil, eXtrêmeCentre,

30 avril 2008

http://tinyurl.com/5tdnwc

(5) Michel Houellebecq. Par Didier Sénécal, Lire, septembre 2001

http://www.lire.fr/entretien.asp/idC=37437/idTC=4/idR=201/id G=

Michel Houellebecq devant la justice pour injure à l´islam. Par AFP, Yahoo Actualités, 17 septembre 2002

http://www.geocities.com/atheisme/textes_divers/2002_09_18ho uellebecq.htm

(6) Le MRAP enfin devant ses pratiques diffamatoires au procès intenté par

Louis Chagnon, Atheisme.org, février 2005

http://www.atheisme.org/chagnon.html

(7) “Alain Finkielkraut muß weg !” 11. Dezember 2005

http://www.eussner.net/artikel_2005-12-11_00-13-22.html

Finky Finkielkraut, ich habe dich gewarnt! 8. August 2007

http://www.eussner.net/artikel_2007-08-08_02-49-31.html

(8) Politischer Prozeß in Frankreich gegen Charlie Hebdo und der Mekka-SPIEGEL. 22. November 2006

http://www.eussner.net/artikel_2006-11-22_23-08-27.html

(9) Robert Redeker lebt! 10. Februar 2007

http://www.eussner.net/artikel_2007-02-10_22-28-44.html

(10) Oui, l´Occident chrétien est redevable au monde islamique. Un collectif international de 56 chercheurs en histoire et philosophie du Moyen Age, Libération, 30 avril 2008

http://www.liberation.fr/rebonds/323893.FR.php

Was Europa dem Islam verdankt – und was nicht. Von Johannes Wetzel, WeltOnline, 2. Mai 2008

http://tinyurl.com/58ts55

(11) Sylvain Gouguenheim wird in der “Libération” und der “Welt” vorgeführt.

9. Mai 2008

http://www.eussner.net/artikel_2008-05-09_01-25-52.html

(12) L´historien à abattre. Par Paul-François Paoli, Le Figaro, 16 juillet 2008

http://tinyurl.com/6fsjew

(13) Oeconomische Encyclopädie online. Oekonomische Encyclopaedie der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirthschaft. Von D. Johann Georg Kruenitz. Universitätsbibliothek Trier

http://www.kruenitz1.uni-trier.de/

(14) L´Affaire “Sylvain Gouguenheim” à LENS LHS (Lyon) : Histoire, récriture, ideologie et xenophobie, par arnaud, Polart – poétique et politique de l´art,

1 mai 2008

http://tinyurl.com/5szhw6

Europe´s debt to Islam given a skeptical look. By John Vinocur, IHT, April 28, 2008

http://www.iht.com/articles/2008/04/28/europe/politicus.php? page=1

(15) Sylvain Gouguenheim “On me prête des intentions que je n´ai pas”. Propos

recueillis par Jean Birnbaum, Le Monde des Livres, 25 avril 2008 (abonnés)

http://www.lemonde.fr

(16) Les Vraies Racine De L´europe. Par Dr. Zeinab Abdel Aziz, articlesbase,

17 avril 2007

http://fr.articlesbase.com/article_134227.html

(17) Le Louvre oder: Frankreichs Elite versinkt in Neid, Haß und Realitätsverlust. 30. Januar 2007

http://www.eussner.net/artikel_2007-01-30_20-34-59.html

(18) Europe’s debt to Islam given a skeptical look http://www.nytimes.com/2008/04/28/world/europe/28iht-politicus.2.12398698.html